Ihre Simulation, meine Realität - Aus dem Leben eines Senior Consultants

Frankfurt, 01. Februar 2018 – Da ich mich für recht anpassungsfähig und schlagfertig hielt, hatte ich mich dafür entschlossen, meinen Lebensunterhalt als Unternehmensberater zu verdienen. Ich hatte wechselnde Arbeitsumfelder und Anforderungen erwartet. Doch was ich nicht antizipiert hatte, ist wie plötzlich ich mit völlig unterschiedlichen Situationen konfrontiert werde. Ein typisches Beispiel dafür war ein Ausflug, der mich kürzlich ins Land von Käse und schlechtem Fußball führte.

 

Es war ein ganz normaler Tag in unserem Frankfurter Büro, als einer der Gründungspartner, den ich erst an jenem Morgen kennengelernt hatte, mich zur Seite zog und meinte: „Wir brauchen jemanden, der morgen in Amsterdam eine englischsprachige Podiumsdiskussion moderiert. Hättest Du Interesse?“ Da ich neu in der Firma bin, und natürlich Eindruck schinden wollte, sagte ich ohne mit der Wimper zu zucken „Ja, klar!“ Er erklärte mir dann, dass die Konferenz von der Association of Change Management Professionals (ACMP) organisiert sei. Im Zuge seiner Key-Note-Rede zu einem unserer Trainingsformate würde ich an einer Simulation teilnehmen. „Okay,“ dachte ich, „das kann nicht allzu schlimm werden. Hört sich eigentlich ganz spannend an!“ Also fragte ich ihn begeistert: „Zu welchem Thema soll ich denn moderieren?“ Und dann wurde es seltsam…

Zum einen sollte ich das Thema nicht erfahren, so dass ich mich nicht wirklich vorbereiten konnte. Zum anderen verhexte mich ein anderer Partner mit der selbsterfüllenden Prophezeiung: „Und wenn du´s versemmelst, ist auch nicht so schlimm. Nimm es als Lernerfahrung mit.“ Nachdem ich die ganze Nacht wie verrückt englische Phrasen für Podiumsdiskussionen recherchiert hatte, bestieg ich am nächsten Morgen den Zug nach Amsterdam. Natürlich wollte ich mehr über meine Aufgabe erfahren, aber ich durfte mich nicht zu den, im gleichen Zug fahrenden, Kollegen setzen. Stattdessen informierten sie mich per SMS, dass mich am Veranstaltungsort jemand etwa eine Stunde nach Beginn in den laufenden Vortrag holen würde.

Während ich auf meinen Auftritt wartete, lief ich wie ein Löwe im Käfig nervös auf und ab, bis sich endlich die Tür öffnete und ein Kollege mich hereinbat. Donnernder Applaus empfing mich. Unsicher, wie ich reagieren sollte, lächelte ich und winkte wie Prinz Karneval am Rosenmontagszug, während ich auf wackligen Knien zur Bühne ging. Dort waren 5 Stühle im Halbkreis angeordnet, von denen vier bereits besetzt waren. Der Partner führte mich zum freien Stuhl und gab mir die Aufgabe eine 15-minütige Diskussion zum Thema „Echte Live-Simulationen im Change-Management“ zu leiten.

„Alles klar,“ dachte ich, „atme ein, atme aus und leg los.“ Ich stellte also mich sowie meinen beruflichen Hintergrund vor und bat die Diskutanten darum, dies auch zu tun. Die zwei Frauen und zwei Männer kamen aus verschiedenen Teilen Europas und waren alle erfahrene Change-Manager. Sie wirkten recht freundlich. Nach ihren einleitenden Statements antworteten sie auf meine offenen Fragen mit eloquent formulierten Meinungen zu den Vor- und Nachteilen von Simulationen im Change Management. Drei der Diskutanten gaben kurze Statements dagegen ab. Eine Frau jedoch, war begeistert von der Idee, was sie ausufernd zum Besten gab. Ich entspannte mich, da ich meinte, das Spiel verstanden zu haben: Die Diskussionsteilnehmer waren offensichtlich im Vorhinein instruiert worden, bestimmte Meinungen und Charakterzüge darzustellen. Es war meine Aufgabe, sie dazu zu bringen, diese Meinungen zu erläutern, sowie respektvoll und knapp auf die Meinungen der anderen zu reagieren. Da sie alle recht umgänglich wirkten, hielt ich die Aufgabe für durchaus machbar.

Doch plötzlich unterbrach eine dröhnende Stimme unsere angeregte Diskussion. Schockiert schreckte ich auf und sah einen großen Typen im Publikum, der aufgestanden war und bellte: „Das ist alles Quatsch! Den Unfug möchte ich nicht hören. Wir haben uns alle schon die Aussagen der Vorredner angehört und uns bereits unsere Meinungen gebildet. Lasst uns sofort abstimmen!“ Nachdem ich meinen Mund geschlossen hatte, versuchte ich den Mann zu beruhigen, als mich plötzlich ein anderer Zuschauer unterbrach, indem er rief: „Schmeißen sie diesen Affen raus! Ich habe hunderte von Kilometern für diese Konferenz hinter mich gebracht und will sie ohne Unterbrechungen genießen. Das ist nicht tolerierbar!“

Was sollte ich tun? Ich wusste, dass ich nur eine Viertelstunde für meinen Auftritt hatte und die Rezeption war über 100 Meter entfernt. Ich konnte nicht einfach die Bühne verlassen und den Concierge darum bitten, den Störer zu entfernen. Also riss ich ein paar Witze, um die Spannung zu lösen und brachte die Diskussion wieder ans laufen. Doch nach Kurzem sprang der große Typ wieder auf: „Kommt schon, wir stimmen sofort ab. Wer ist dabei? Folgt mir aus dem Raum!“ Er schritt wild gestikulierend und unzusammenhängende Dinge brüllend quer durch den Tagungsraum. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen, da ich nicht wusste, wie ich mit einer solchen Situation umgehen sollte. Zum Glück sah ich aus dem Augenwinkel, wie der Key-Note-Redner in Richtung des großen Typen gestikulierte, und pantomimisch einen Lautstärkeregler runterdrehte. Erleichtert entschuldigte ich mich bei den Diskutanten und brachte sie dazu, die Diskussion wiederaufzunehmen.

Als ich gerade meine Sicherheit wiedergewonnen hatte, sprang der Key-Note-Redner auf die Bühne und informierte uns, dass die Diskussion hiermit beendet sei. Er bedankte sich bei den Diskutanten für ihre Teilnahme und informierte mich darüber, dass jetzt zwei Coaches meinen Auftritt als Moderator bewerten würden. Die Coaches kamen auf die Bühne und gaben mir Feedback zu meinen Stärken und Schwächen. Daraufhin erläuterte er dem Publikum, dass sie gerade eine echte Live-Simulation erlebt hätten und dass der Steuerkreis – er und der große Typ – diese fortlaufend an mein Kompetenzlevel angepasst hatten, um mich immer wieder aus meiner Komfortzone zu holen. Gestresst, wie ich war, war es mir nicht möglich eine Rolle zu spielen. Ich hatte keine andere Wahl als den Coaches meinen echten Charakter und die Grenzen meiner Fähigkeiten zu entblößen.

Eine halbe Stunde später saß ich bereits im Zug nach Hause. „Was für eine Erfahrung,“ dachte ich. Ich hatte an einer echten Live-Simulation teilgenommen und tatsächlich einiges mitgenommen. Das Feedback der Coaches gab mir viele Ideen, an welchen Aspekten meines öffentlichen Auftretens ich noch feilen kann. Und jetzt verstand ich auch endlich den Partner, der mir prophezeit hatte, dass ich auch aus meinem Versagen wichtige Lehren ziehen könne.

Übrigens, die Simulation wirkte so echt auf eine der Organisatorinnen der Konferenz, dass sie im Nachhinein dem großen Typen einen ordentlichen Einlauf für sein unakzeptables Verhalten verpasste. Schließlich wusste sie nicht, dass er nur eine Rolle gespielt hatte. Als ich davon eine Woche später hörte, habe ich mich gefreut. Denn anfangs hatte ich mich schon geschämt, dass ich auf ihn hereingefallen war und mich seine Provokationen nervös gemacht hatten. Meine Kollegen ziehen mich noch immer mit dem Gesichtsausdruck auf, den ich gemacht hatte, als er losgelegte…

 

Autor: Jasper Peters, Senior Consultant @CPC

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